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Nach einem Jahr auf dem Markt

 Hype um Abnehmspritze "Wegovy" - große Nachfrage trotz dieser Nebenwirkungen

  • Veröffentlicht: 12.07.2024
  • 14:50 Uhr
  • dpa
Seit einem Jahr ist die Abnehmspritze "Wegovy" auf dem deutschen Markt und erfreut sich trotz einiger Nebenwirkungen einer großen Nachfrage.
Seit einem Jahr ist die Abnehmspritze "Wegovy" auf dem deutschen Markt und erfreut sich trotz einiger Nebenwirkungen einer großen Nachfrage.© REUTERS

Seit einem Jahr ist die Abnehmspritze "Wegovy" auf dem deutschen Markt. Trotz diverser Nebenwirkungen ist die Nachfrage groß. Das schafft Probleme - und inzwischen gibt es ernstzunehmende Konkurrenz.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Die Abnehmspritze "Wegovy" von Novo Nordisk ist seit einem Jahr auf dem deutschen Markt und erzeugt einen regelrechten Hype in den sozialen Medien.

  • "Wegovy" hilft beim Abnehmen und Halten des Gewichts, indem es den Appetit zügelt und das Sättigungsgefühl steigert.

  • Nebenwirkungen wie Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden und selten auch schwerwiegendere Nebenwirkungen wie Augenerkrankungen können auftreten.

Inhalt

Dass um ein Medikament ein regelrechter Hype entsteht, ist selten. Doch mit dem Mittel "Wegovy" ist es passiert: Menschen zeigen in sozialen Medien, wie sie mit damit abnehmen - und berichten von Nebenwirkungen. Was hat sich seit der Einführung vor einem Jahr getan? Ein Überblick:

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Was ist "Wegovy"?

"Wegovy" ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das beim Abnehmen und Halten von Gewicht helfen soll, indem es den Appetit zügelt und das Sättigungsgefühl steigert. Für diese Nutzung können Ärztinnen und Ärzte das Mittel des dänischen Unternehmens Novo Nordisk seit Mitte Juli 2023 in Deutschland verschreiben. Patienten spritzen es sich mit einem Fertigpen, der einem Stift ähnelt, einmal pro Woche unter die Haut.

Im Video: Medikament kommt nach Deutschland

Der "Wegovy"-Wirkstoff Semaglutid wurde schon seit längerem zur Behandlung von Typ-2-Diabetes genutzt - unter dem Handelsnamen "Ozempic". "Wegovy" enthält den Wirkstoff in höherer Dosierung und wurde für Menschen mit Adipositas, also Fettleibigkeit zugelassen, ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30. Die Therapie soll mit Diät und Bewegung kombiniert werden.

Wie wirkt "Wegovy"?

Der "Wegovy"-Wirkstoff Semaglutid imitiert die Wirkung des Darmhormons GLP-1 (Glucagon-like peptide-1). Dieses werde nach dem Essen aus dem Dünndarm freigesetzt, erläutert Matthias Laudes, Vizepräsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG) und Direktor des Instituts für Diabetologie und klinische Stoffwechselforschung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.

Das Hormon signalisiere der Bauchspeicheldrüse, Insulin zu produzieren. "Das ist die antidiabetische Wirkung", sagt Laudes. Der zweite Effekt sei, dass dem Gehirn mitgeteilt werde, dass etwas gegessen wurde und es ein Sättigungsempfinden entwickeln könne. "Das ist die gewichtsregulierende Wirkung."

Die dritte Wirkung sei, dass dem Magen signalisiert werde, dass noch genügend Essen im Dünndarm sei, die Magenentleerung also verzögert werde. Insbesondere diesen Effekt bemerkten Patienten als Nebenwirkung - nämlich Übelkeit. Das lege sich aber in der Regel, wenn die Leute sich daran gewöhnten, kleinere Portionen zu essen, sagt Laudes.

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Welche weiteren Nebenwirkungen gibt es?

Neben Übelkeit komme es zu Beginn der Therapie häufig zu weiteren Magen-Darm-Beschwerden wie Erbrechen, Durchfall und Verstopfung, sagt Karsten Müssig von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie am Franziskus-Hospital Harderberg.

Daher werde mit einer niedrigen Dosis begonnen, die nach und nach gesteigert werde. Seltene Nebenwirkungen seien eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse und Darmverschluss. "Deshalb sollte die Behandlung nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen", mahnt Müssig.

Im Video: Risiken und Nebenwirkungen der "Abnehmspritze"

Eine jüngst in der Fachzeitschrift "Jama Ophthalmology" veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass Semaglutid in sehr seltenen Fällen mit einer schweren Augenerkrankung einhergehen könnte - der sogenannten nicht-arteriitischen anterioren ischämischen Optikusneuropathie (NAION). Erwiesen sei dies zwar nicht, ernst nehmen müsse man es aber schon, sagt Horst Helbig von der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) und vom Universitätsklinikum Regensburg. Die Klärung dieser Frage bedürfe weiterer Untersuchungen und einer sorgfältigen Beobachtung von Patienten.

Berichte deuten auf ein weiteres Phänomen hin, bekannt unter dem Begriff "Ozempic Face": Generell kann bei einer schnellen Gewichtsabnahme das Gesicht eingefallen und stark gealtert wirken.

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Unter der Behandlung mit Semaglutid - also "Wegovy" oder "Ozempic" - habe es bei Frauen, die längere Zeit einen unerfüllten Kinderwunsch hatten, Schwangerschaften gegeben, sagt Ulrich Knuth, Vorsitzender des Bundesverbands Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschland (BRZ). Valide Zahlen dazu gebe es allerdings nicht. Möglicherweise, so der Experte, spiele hier die Verringerung des Körpergewichts eine Rolle. Es sei bekannt, dass Adipositas die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft verringere.

Während der Schwangerschaft und Stillzeit soll das Präparat nicht verwendet werden. Wer ein Kind bekommen wolle, sollte Semaglutid mit einem Vorlauf von mindestens zwei Monaten absetzen, schreibt die europäische Arzneimittelbehörde EMA.

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Muss "Wegovy" lebenslang genommen werden?

Adipositas sei ebenso wie Diabetes eine chronische Erkrankung, sagt Laudes, daher müsse das Medikament lebenslang genommen werden. "Bei einem Diabetesmedikament würde ja auch niemand sagen, das könne man nach sechs Monaten absetzen", sagt Laudes. "Jeder adipöse Mensch hat sein Leben lang das Problem, dass er immer wieder zunehmen kann." Das sehe man etwa auch nach Magenverkleinerungen.

Eine Adipositas-Therapie sollte immer auch eine Änderung des Lebensstils enthalten, etwa im Sinne einer ausgewogenen Ernährung und regelmäßiger körperlicher Bewegung, sagt der DGE-Experte Müssig. Die Kost sollte kalorienreduziert und ballaststoffreich sein und außerdem weniger gesättigte und mehr ungesättigte Fettsäuren enthalten - ähnlich wie bei der mediterranen Ernährung.

Was kostet "Wegovy"?

Der Preis der Adipositas-Therapie beläuft sich laut Müssig auf etwa 300 Euro monatlich. Patienten müssen die Kosten selbst tragen, denn das Medikament wird nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

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Ist Novo Nordisc der einzige Anbieter einer Abnehmspritze?

Nein. Der US-Pharmakonzern Eli Lilly vertreibt inzwischen unter dem Namen "Mounjaro" ebenfalls eine Abnehmspritze - sie beinhaltet den Wirkstoff Tirzepatid, der im Unterschied zu Semaglutid ein GIP/GLP-1-Rezeptoragonist ist. Sie ist seit Ende vergangenen Jahres in der EU zugelassen.

So ist die Situation nach einem Jahr

Das Diabetesmedikament "Ozempic" sei schon lange Zeit jenseits der eigentlichen Zulassung - also gegen Typ-2-Diabetes - zur Gewichtsreduktion eingesetzt worden, sagt Diabetologe Müssig. Die Einführung von "Wegovy" ging vor einem Jahr mit der Hoffnung einher, dass "Ozempic" nicht länger als Adipositas-Medikament eingesetzt wird und verstärkt den Diabetes-Patienten zur Verfügung steht. Zwar habe sich inzwischen die Verfügbarkeit von "Ozempic" gebessert, aber es gebe weiterhin Lieferengpässe. Adipositas-Experte Laudes sagt, auch bei "Wegovy" sei die Nachfrage größer als die Produktion.

Diese Situation erhöht das Risiko von Produktfälschungen - und die EMA warnt explizit vor dem Kauf solcher Präparate auf dem Schwarzmarkt. Zudem sollten die Präparate nur für die jeweiligen Zulassungen - Typ-2-Diabetes und Adipositas - zum Einsatz kommen. Wenn nicht adipöse Menschen solche Medikamente lediglich dazu nutzten, um ihre Figur zu optimieren, verschlimmere dies die ohnehin bestehenden Engpässe.

Gerade ergab eine Studie, dass sich damit deutlich eher ein starker Gewichtsverlust erreichen lässt als mit Semaglutid. Die Nebenwirkungsrisiken beider Substanzen seien vergleichbar, berichtet das Forschungsteam im Fachjournal "JAMA Internal Medicine". Aussagen zu Langzeitfolgen sowie zum Erreichen wichtiger Ziele wie einem verringerten Risiko für Herzinfarkte ließen sich aus der Analyse aber nicht ableiten.

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